Filip Moroder Doss

Die Dolomiten waren nicht immer so hell und bleich wie jetzt. Einst sollen sie ebenso grau und finster gewesen sein wie alle Alpengipfel. Wie die Dolomiten zu ihrem eigenartigen Aussehen gekommen sind, erzählt eine alte ladinische Sage.
Einst bestand in den Dolomiten ein herrliches Reich, mächtig war der König, fruchtbar das Land und glücklich das Volk. Nur der Königsohn litt an einer seltsamen Krankheit: er wollte unbedingt den Mond besuchen und war ganz krank vor Sehnsucht. In Vollmondnächten irrte er in der Berwildnis umher, um einen Weg zum Mond zu finden und bestieg die höchsten Gipfel, um den Mond anzustarren. Dabei traf er eines nachts wirklich auf wilde Leute, die ihm die Reise zum Mond ermöglichten, ihn aber warnten, nicht zu lange dort zu bleiben, denn das sei einem Erdenkind nicht zuträglich. Und umgekehrt könnte auch ein Mondbewohner nicht lange auf der Erde weilen, ohne von tödlichem Heimweh nach dem Mond ergriffen zu werden.
Der Königsohn achtete nicht auf die Warnung der Wilden. Glücklich erreichte er den Mond und wurde vom Mondkönig und seiner Tochter freundlich empfangen. Die Prinzessin aber war das schönste Mädchen, das der Königsohn je gesehen hatte, und nach einiger Zeit bat er um die Hand der Prinzessin. Die Hochzeit wurde gefeiert, und das junge Paar kam auf die Erde zurück.
Nun war die Freude groß.
Einige Zeit ging alles gut, doch dann wurde die Mondprinzessin, wie von den Wilden vorausgesagt, von unstillbarer Sehnsucht nach ihrer mattschimmernden Heimat erfasst und musste auf den Mond zurückkehren, wenn sie nicht dahinsterben wollte. Sie konnte den Anblick der dunklen Felsgipfel nicht mehr ertragen.
Der Königsohn war verzweifelt. Da traf er wieder die guten „Salvans“ und sie versprachen Hilfe. In einer einzigen Nacht verspannen sie das helle Mondlicht zu langen, lichten Fäden und hüllten damit alle Berggipfel des alten Königreiches ein.
Nun konnte die Prinzessin getrost zu ihrem Gatten auf die Erde zurückkehren, denn der matte Schimmer des Mondlichtes lag auf den nunmehr „bleichen Bergen“.
Die Zeit verging, das alte Königreich zerfiel, aber immer noch liegt über den Dolomiten ein eigenartiger Zauber, und immer noch blüht an den hellen Felswänden jene kleine weiße Blume, die einst von der Prinzessin vom Mond herabgebracht worden war in ihre neue Heimat.


Quelle:
Karl Felix Wolff, Dolomitensagen (1913), 13. Auflage, Tyrolia, Innsbruck, 1974, S. 312 ff.
Franz Pizzinini, I Ladins dla Val Badia (1952), Trento, 1955, S. 108 ff.
Bibliographie:
Ulrike Kindl, Kritische Lektüre der Dolomitensagen von K.F.Wolff, Bd.1 – Einzelsagen, Istitut Ladin „Micurà de Rü“, San Martin de Tor, 1983, S. 129 ff.

Filip Moroder Doss

Tel. +393333663040
info@filipmoroderdoss.com
 
Filip Moroder Doss




DE IT EN