Kunst im Garten

Jenseits der Sprache
Gianluca Ranzi

Der Mythos des Ursprungs ist es, der hier ständig durch die Anspielungen auf einen stilisierten und gewaltigen Primitivismus wieder aufgerufen wird. Dies geschieht anhand einer ständigen Suche nach volumetrischer Vereinfachung und dichter Artikulation der Massen, die Turras Werk zu einem metahistorischen Archaismus zurückführen, der die Sprache als Amalgam hinter sich lässt und die klassischen, mittelalterlichen und Renaissance-Wurzeln der italienischen Tradition bis zum Klassizismus von Arturo Martini und von Carlo Carrà „auswendig vergisst“, indem er deren Kanons und Entwicklungen gezielt revidiert.

So verschmelzen in Turras Werk die Leitbilder des Ursprungsmythos, des Mythos der Mutter Erde, der Fruchtbarkeit, des Werdens der Natur, von Verfall und Wiedergeburt mit den Wurzeln des volkstümlichen Erzählens und sogar mit bestimmten Einflüssen aus dem Holzhandwerk seiner Heimatregion, und davon profitiert die innige und glücklich primitive Spannung, die seine Werke ausstrahlen. Das ist bei den Skulpturen besonders augenfällig, die auf einer beinahe am Boden haftenden, horizontalen linearen Entwicklung insistieren; es sind liegende Akte oder Gruppen, die aus mehreren zusammengefügten und direkt auf dem Boden angeordneten Einheiten gebildet sind, manchmal durch luftige Eisenblenden nur leicht angehoben, oder, in noch anderen Fällen, gewisse liegende Figuren, die mit einem weiteren vertikalen bildhauerischen Element zusammengefügt sind, oft einem Baumstamm, der nichts anderes bewirkt, als deren Horizontalität zu unterstreichen. Wir könnten das einen Wunsch nach der „Rückkehr zum Stein“ nennen, zu jenem plastischen Schoß, aus dem die Materie selbst stammt, aus der die Skulpturen bestehen, eine Rückkehr zum Ursprung, nicht so sehr gedenkenden, nostalgischen oder sprachlichen Charakters, sondern eher konstitutiv und strukturell, jenseits der Erzählung und jenseits der vorhin beschworenen ikonographischen Modelle, wie Turra selbst wohl hervorgehoben hat: „Ich bin überzeugt, dass sich das menschliche Wesen von Schönheit nährt! Ich rede von dem, was Tag für Tag entdeckt werden will, vom neuen Mosaikstein, der hinzugefügt und mitgenommen wird. Vor zwanzigtausend Jahren haben unsere Vorfahren auf den Felswänden das Bedürfnis ausgedrückt, ihre Gegenwart festzuhalten, jenen Zeitpunkt ihrer Existenz, und wir finden heute diese Einfachheit und ihre Schönheit aufregend. Ich glaube, ihre Kraft besteht darin, dass der Ausführende völlig in jener Situation aufging, dass er sich ihrer bemächtigte. Für mich wiederholt sich diese selbe Magie an jedem Tag unserer Gegenwart und unseres Tuns, wenn es uns gelingt, so zu leben, dass wir unser Wesen offenbaren“.

Der Versuch, das Geheimnis von Simone Turras Kunst aufzudecken, so nutzlos das auch sein mag, besteht also nicht in der Erforschung seiner Symbolik oder in der Identifizierung des sprachlichen Genoms, das zu ihm hin führt, sondern in der Feststellung, dass der Künstler in der Lage ist, ein Repertoire an Formen und Zusammenhängen zu erfassen und uns zu vermitteln, in dem sich das individuelle Dasein zu einem weiteren Dasein ausdehnt, das alle Formen umfasst, eins geworden mit der natürlichen Welt und prototypisch für eine bewusster authentische Zukunft.
Deswegen ist also Turras Werk überraschend aktuell, lebendig und sehr weit von jeglichem literarischen Überbau entfernt, weil es voll und ganz verwirklicht, was Bronislav Malinowski hinsichtlich der gesellschaftlichen Funktion der Mythologie dachte: „Der Mythos ist nicht einfach eine erzählte Geschichte, sondern eine erlebte Wirklichkeit. Er gehört nicht zu jener Art von Erfindungen, die wir in unseren Romanen wiederfinden, sondern ist eine lebendige Wirklichkeit, von der man glaubt, sie sei am Anfang aller Zeiten geschehen, und die seitdem unablässig fortfährt, ihren Einfluss auf die Welt und das Schicksal der Menschen auszuüben“.

Künstler im Garten 2013:

Franz Stähler
Gregor Prugger
Roberto Conte
Leonhard Schlögel

Muriel Senoner
Svätopluk Mikyta
Vinzenz Senoner
Gianpietro Carlesso
Michael Defner
Hannes Egger
Herbert Golser
Christoph Gabrieli
Peter Tribus
Ugo Dossi
 
Kunst im Garten




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